Festung Schweiz

Es ist ein Mythos, dass sich Schweizer Soldaten im Ersten Weltkrieg bei einem Überfall dem Feind an der Grenze entgegengestellt hätten. Vielmehr hätten die Kämpfe im Landesinneren stattgefunden – etwa im Kanton Bern. Hier sollte die Fortifikation Murten die Bundesstadt vor Angriffen schützen.

Eine multimediale Zeitreise der BZ Berner Zeitung in sechs Kapiteln

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Der Angriff führt durch die Schweiz
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BEDROHUNGSLAGE In den Reihen der Schweizer Armee treiben im Jahr 1916 Landesverräter ihr Unwesen. Ein Genieleutnant der 2. Division und Unteroffiziere aus den Bataillonen 18 und 19 liefern französischen Spionen Angaben zu den Befestigungen in der Schweiz. Die Namen der Schweizer tauchen in den Geheimdienstberichten nicht auf. Wollen die Franzosen ihre Quellen schützen? Immerhin riskieren die ungenannten Informanten die Todesstrafe wegen Hochverrats.

Kein Zufall ist, dass die Verräter ausgerechnet aus welschen Truppenteilen stammen (mehr zur Sprachgrenze). Zwei Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs liegen die Sympathien in der Romandie klar bei Frankreich.

Als der Weltenbrand schwelt, erstrecken sich drei Befestigungsräume (Karte) auf Schweizer Boden: Auf dem Gebiet Seeland-Murten-Jura steht eine Sperrstellung, die französische Angriffe aus dem Westen gegen die Bundesstadt aufhalten soll. Die Verteidigungslinie von Hauenstein bis zum Napf soll ebenfalls das Mittelland schützen. Der Befestigungsraum Bellinzona schliesslich soll im Falle eines Überfalls aus dem Süden die Hauptachsen gegen den Gotthard sperren.

Die Angaben der Schweizer Soldaten helfen dem französischen Geheimdienst, die Fortifikationen Murten und Hauenstein besser einzuschätzen: «Diese Gruppe dürfte viel mehr komplett und stark sein als die befestigte Linie bei Les Rangiers, und dürfte jetzt vergleichbar sein mit den Verteidigungsstellungen des Gotthards», heisst es in einem Bericht.

Für die Kommandanten der Fortifikationen und die Schweizer Armeeführung interessieren sich die Franzosen ebenfalls. Diskret erstellt Oberst Pageot, Militärattaché der französischen Botschaft in Bern, Profile der Schweizer Militärs. Den Kommandanten der Fortifikation Murten, Oberst Heinrich Bolli, beschreibt der Franzose als sehr deutschfreundlich und voller Energie.

Die Ergebnisse der Spionageaktivitäten in der Schweiz fliessen schliesslich in den «Plan H». Darin schliesst der französische Generalstab die neutrale Schweiz explizit in seine strategischen Überlegungen mit ein. In einem frühen Entwurf sieht der Plan vor, französische Angriffe oder Gegenoffensiven gegen das Deutsche Kaiserreich durch die Schweiz zu führen (Karte). Zum Jahreswechsel 1915/16 werden die Überlegungen der französischen Militärs gegenüber der Schweiz aggressiver. Es entsteht ein Angriffsplan gegen Deutschland, der eine Umfassungsoffensive mit 36 Divisionen durch die Schweiz vorsieht.

Karten


Mit drei Festungen will sich die Schweiz ab 1914 gegen feindliche Angriffe verteidigen. Klicken Sie auf die Piktogramme, um mehr zu erfahren.
Plan H
Der französische Generalstab plant Angriffe gegen das Deutsche Kaiserreich durch die Schweiz zu führen.
Plan Fortifikation Murten
Die Fortifikation Murten soll die Linie Zihlkanal–Vuilly–Murten–Salvenach–Laupen schützen.
Plan Sprachgrenze
Weite Teile der Verteidigungslinie schlängeln sich entlang der Sprachgrenze zwischen Deutsch- und Welschschweiz.

Die Schweiz selbst rechnet bei Kriegsausbruch im August 1914 mit keinen konkreten Angriffsabsichten der Nachbarländer. Wahrscheinlich ist der Eidgenossenschaft bewusst, wie sie die kriegführenden Nationen wahrnehmen: als neutrales Land, das sich aus dem Krieg raushält und sich nur bei einem Angriff militärisch verteidigt. Für die am Krieg beteiligten Nachbarländer wird die Schweiz somit zum berechenbaren Faktor, der nicht nur die Front verkürzt, sondern auch Flankenschutz bietet.

Allerdings herrscht Misstrauen gegenüber dem grossen Nachbarn im Westen. Noch im Jahr 1910 bezeichnete Arnold Keller, ehemaliger Generalstabschef der Schweizer Armee, Frankreich als potenziellen Feind der Schweiz. Erstmals entstehen in der Schweiz im Jahr 1815 militärische Bauten, die einen Angriff der Franzosen aufhalten sollen. Die Angst vor einem Überfall aus dem Westen besteht aber schon seit 1798. Damals kam es zum Franzoseneinfall, einem Krieg zwischen der Französischen Republik und der Alten Eidgenossenschaft.

Es ist aus heutiger Sicht betrachtet also nicht abwegig, dass die Schweiz zwischen 1914 und 1916 in den Konflikt hätte hineingerissen werden können. Die Planungen des französischen Generalstabs seien mehr als reine Schubladenentwürfe gewesen, kommt der Schweizer Militärhistoriker Hans Rudolf Fuhrer zum Schluss. Eine militärische Bedrohung der Schweiz ist laut Fuhrer damit belegbar.

Ein französischer Angriff auf die Schweiz bleibt bekanntlich aus. Der deutsche Vorstoss auf Verdun im Jahr 1916 und der Entscheid der Franzosen, sich an der Offensive an der Somme zu beteiligen, verändern die Prioritäten.

Video: Bedrohungslage der Schweiz im August 1914

«Sicherung Berns gegen Angriffe»
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BAU Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs am 28. Juli 1914 befiehlt die Schweizer Armee den Bau der Fortifikation Murten. Der Befehl von Generalstabschef Theophil Sprecher von Bernegg vom 8. August 1914 an das Fortifikationskommando lautet:

«Behelfsmässige Befestigung der Linie Zihlkanal–Vuilly–Murten–Salvenach–Laupen (Karte) zum Zweck
a.) Sicherung Berns gegen Angriffe über die Zihl und aus dem Kanton Waadt.
b.) Schaffung von Operationsfreiheit für die Armee namentlich in dem Sinne, dass die Armee bei einem Übergang zum Angriff östlich der Saane oder nördlich des Bielersees eine sichere Flankendeckung findet. Befestigungsarbeiten östlich oder südlich von Laupen sind vorläufig nicht notwendig.»

Der Befehl zeigt, wo die Schweizer Armee den Feind am ehesten vermutet: Im Westen, wo der Nachbarstaat Frankreich an die Schweiz angrenzt. Die Fortifikation Murten soll also einen feindlichen Vorstoss ins Zentrum der Schweiz verhindern. Ganz am Anfang fällt der Befestigung sogar eine offensive Rolle zu. Schweizer Streitkräfte sollen dem Feind in die Flanke fallen, sobald dieser an der Fortifikation aufläuft.

Der Name der Befestigung dürfte von den Militärs bewusst gewählt worden sein. In der Nähe der Sperrstellungen befindet sich das historische Städtchen Murten (Video: Vom Mythos der Murtenschlacht). Dort haben die Eidgenossen im Jahr 1476 das burgundische Heer von Karl dem Kühnen aufgerieben. So wird aus der Befestigung die Fortifikation Murten und nicht etwa die Fortifikation Bern oder Fortifikation Seeland.

Karte Abschnitt I (Jolimont-Zihl)

Video: Anlage Chlosterwald 2014

Damals - Heute


Betonierter Unterstand und Schützengraben des Werks Unterfeld.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs lässt die Armee die Anlagen liquidieren.

Befestigung im Werk Jolimont.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs lässt die Armee die Anlagen liquidieren.

Zu Beginn der Bauarbeiten im Sommer 1914 teilen die Ingenieure die Fortifikation Murten in drei Abschnitte ein (Karte). Die Verteidigungslinie von Abschnitt I (Jolimont-Zihl) folgt dem Zihlkanal. Die dort stationierten Soldaten haben den Auftrag, den Kanal zu sperren. Vor allem die Brückenübergänge bei St. Johannsen und Zihlbrück sowie die Eisenbahnbrücke der Linie Neuenburg–Bern bieten dem Feind gute Möglichkeiten, die Zihl zu überqueren. Artilleriestellungen, die auf diese Brücken gerichtet sind, sollen einen solchen Vorstoss verhindern.

Den Soldaten im Abschnitt II auf dem Mont Vully kommt die Aufgabe zu, die Höhen zu halten und zu sperren. Zwei Artilleriebatterien befinden sich Ende 1914 auf dem Vully. Die eine ist gegen Westen gerichtet, die andere kann über den Murtensee feuern und damit Abschnitt III unterstützen. Die Männer im Abschnitt III haben den Raum zwischen dem Murtensee und der Saane zu sperren. Die Sperre ist gegen Westen gerichtet.

Von 1915 bis Sommer 1917 baut die Schweizer Armee die bestehenden Anlagen aus, um die Fortifikation zu verstärken. Es entstehen unter anderem betonierte Bunker für Maschinengewehre, verbunkerte Stände für 8,4cm-Geschütze und zusätzliche Schützengräben. Um den Soldaten mehr Komfort zu bieten, werden die Anlagen zudem besser beleuchtet und mit Wasser versorgt. Auch Latrinen werden eingebaut.

Fotoalbum: Die verschiedenen Hindernisse

Im Juli 1917 lässt General Ulrich Wille die Befestigungsarbeiten stoppen. Im dritten Kriegsjahr rechnet der General nicht mehr mit einem Angriff Frankreichs. Heute vermuten Historiker, dass sich Wille auch nicht dem Vorwurf aussetzen wollte, unnötig die Bundeskasse zu belasten.

Die Armee unterhält und repariert die Anlagen der Befestigung noch bis zum Spätherbst 1917.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs beschliesst das Militär, die Fortifikation Murten zu liquidieren. Das Material wird entweder in ein Depot nach Kerzers gebracht oder verkauft. Sprengstoffe oder Zündmittel veräussert die Armee an «zuverlässige Unternehmer». Die Aufträge für den Rückbau der Feldbefestigungen schreibt die Armee meist aus.

Kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs (1939 bis 1945) klärt die Armee ab, inwiefern sich die Fortifikation Murten erneut in Betrieb nehmen liesse. Die Experten kommen zum Schluss, dass die alten Anlagen den moderneren Angriffswaffen kaum standhielten. So entstehen zwischen 1939 und 1945 neue Bauten im Fortifikationsraum.

Video: Vom Mythos der Murtenschlacht

Schuften wie «Tschinggen», gedrillt wie Preussen
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SOLDATENALLTAG Politisch korrekt ist der Begriff heute nicht mehr. «Den Tschingg machen» nennen die Soldaten, die ab 1914 in der Fortifikation Murten stationiert sind, eine ihrer Haupttätigkeiten. Die Männer meinen damit die unbeliebten Befestigungsarbeiten entlang des 17 Kilometer langen Schützengrabensystems im Gebiet Seeland-Murten-Jura.

Dass der abwertende Dialektbegriff für Italiener Einzug in die Soldatensprache hält, ist kein Zufall: Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs beschäftigt die Schweizer Wirtschaft im Baugewerbe und Eisenbahnbau mehrheitlich Arbeitskräfte aus dem südlichen Nachbarland. Die harte körperliche Arbeit im Aktivdienst empfinden viele Schweizer Soldaten deshalb als ihrer unwürdig.

«Man pickelt, schaufelt und ladet auf», schreibt Paul von Sury in seinen Erinnerungen von 1914. «Ein interessanter Anblick. Wir arbeiten wie Italiener unter der Aufsicht eines Pionierleutnants.» Der Landwehrmann hilft beim Bau von Feldbefestigungen an der Zihl mit.

Einzelne Kompanien wollen es sich nicht bieten lassen, dass sie die gleichen Arbeiten ausführen müssen wie die Italiener. Auf dem Dienstweg beschweren sich die Soldaten über die Befestigungsarbeiten. Beim Kommandanten der Fortifikation Murten stossen die Vorbehalte auf wenig Verständnis.

«In der gegenwärtigen Sommerzeit ist es gewiss nicht zu viel, von einer gesunden und wohlgenährten Truppe durchschnittlich 10, mit Einschluss der Märsche vielleicht 12 Stunden Arbeitszeit zu verlangen; es wirkt das nur vorteilhaft auf die Moral einer Truppe, die im bürgerlichen Leben bei weniger guter Ernährung um diese Zeit noch erheblich länger zu arbeiten pflegt», beschwert sich Oberst Heinrich Bolli im Juli 1916 beim Chef des Generalstabs in Bern.

Video: Soldatenalltag in der Fortifikation Murten

Nebst den Befestigungsarbeiten gehört auch die militärische Ausbildung und der Wachdienst zum Soldatenalltag in der Fortifikation Murten. Wer Wache schieben muss, errichtet Wegsperren, führt Patrouillen durch und bewacht die Anlagen. In erster Linie soll so der Feind vom Ausspionieren der Befestigung abgehalten werden. Trotz dieser Vorsichtsmassnahmen kann der französische Geheimdienst Pläne der Fortifikation erstellen.

Auf Abstand halten die Soldaten auch die Bevölkerung im Fortifikationsraum Murten. Der Zutritt zur Befestigung ist Zivilisten untersagt. Wer sich im Gebiet der Fortifikation bewegen will, benötigt einen Passierschein. Immerhin: Wäre die Fortifikation angegriffen worden, hätte die Armee die Zivilbevölkerung evakuiert. Entsprechende Geheimpläne hat das Militär schon 1914 entworfen. Einzig die Gemeindepräsidenten sind informiert. Sie müssen aber Stillschweigen bewahren.

Ziemlich eintönig muss der Wachdienst sein. Froh kann sich schätzen, wer nicht alleine seine Schicht absolvieren muss. «Glücklicherweise sind wir zu zweit; so können wir wenigstens plaudern. Aber zweistündige Zweigespräche bei Stoffmangel bieten wenig Reiz. Wir Soldaten können nicht wie die Frauen über Moden und Kleider sprechend aus dem Vollen schöpfen; uns fliesst nur die dürftige Quelle eines Gespräches über das Wetter, die Umgegend und dergleichen», schreibt Landwehrmann von Sury in seinen Erinnerungen. Er muss im Jahr 1914 in Gals ein Dynamithäuschen bewachen.

Trotz des Gesprächspartners will für von Sury die Zeit nicht richtig vergehen: «Wir kennen nun die Ortsbeschaffenheit dieser Gegend bis ins Einzelste. Allein auch das hilft den Stunden nicht recht vom Fleck; Sie kommen uns vor wie Jahrhunderte.»

Die militärische Ausbildung beinhaltet unter anderem Exerzieren, Gefechtsübungen, Schiessen, Turnen sowie Unterhalt und Pflege von Material. Der preussische Drill der Schweizer Offiziere führt bei den einfachen Soldaten schnell zu Dienstverdrossenheit. Für Abwechslung sorgen einzig Theateraufführungen, Konzerte und Vorträge. In der nahen Stadt Biel gibt es während des Krieges mehrmals Bemühungen die dortigen «Toleranzhäuser» – Bordelle also – zu schliessen. Der Gemeinderat befürchtet, dass sich Geschlechtskrankheiten wegen der Soldaten, die sich auch unter den Freier finden, ungehindert verbreiten.

Die Wehrpflichtigen sind nicht in der Fortifikation Murten selbst untergebracht, sondern in den umliegenden Dörfern. Während die einfachen Soldaten in Schulhäusern, Scheunen, Ställen oder auf Stroh in Wirtshäusern übernachten müssen, wohnen die meisten Offiziere in Häusern.

Fotoalbum: Aus dem Soldatenleben

Damals - Heute


Soldaten vor dem «Hotel Gamelle» in Ins.

Heute befindet sich in diesem Gebäude das Restaurant Wilder Mann.

Die Schweizer Armee besetzt die Fortifikation Murten vorwiegend mit Männern der Landwehr. Die Soldaten sind zwischen 33 und 40 Jahre alt. Der Stabschef der Fortifikation Murten, Eugen Bircher, weiss um den Wert dieser lebenserfahrenen Schweizer. Sie seien «Männer, die wussten, um was es ging, um Haus, Hof und Familie», hält der Offizier in einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1953 fest.

Die durchschnittliche Dienstdauer in der Fortifikation Murten dauert 500 Tage. Bei der Ablösung der Truppe zeigt sich immer wieder, dass die Schweizer Armee noch nicht vollständig auf den Ernstfall eingestellt ist. Viele Soldaten lassen es an der nötigen Disziplin mangeln, andere haben ihren Marschbefehl erst gar nicht erhalten.

Das Fortifikations-Kommando Murten beschwert sich im März 1916 beim Armeekommando: «Es waren sehr zahlreiche Urlaubs und Dispensationsgesuche, eingegeben worden, die auf eine nicht gerade grosse Dienstfreudigkeit schliessen liessen, es ist denn auch eine überaus unerwartet grosse Zahl von Soldaten gar nicht eingerückt (rund 250) über deren Verbleib vorläufig keine Auskunft gegeben werden kann. Dieses Nichteinrücken ist auch ein Zeichen welch sorglose Auffassung in breiten Schichten der Bevölkerung von der Lage und der Aufgabe der Armee noch herrschen.»

Es gibt durchaus Gründe, dass die mobilisierten Schweizer Soldaten wenig motiviert sind: Der Sold ist gering, eine Verdienstausfallsentschädigung gibt es nicht. Die steigende Arbeitslosigkeit, die Teuerung und die schlechte Versorgungslage bedrohen viele wehrpflichtigen Männer und ihre Familien mit Armut.

Ein Monat nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs sind in der Fortifikation Murten knapp 16‘000 Mann stationiert, davon 538 Offiziere. Dieser Höchststand wird bis zum Ende des weltweiten Konflikts im Jahr 1918 nicht mehr überschritten. Im August 1917 dienen nur noch 400 Mann in der Fortifikation Murten.

Ein Graben geht durch die Schweiz
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SPRACHGRENZE Als Oberst de Coulon im Herbst 1914 nach einer Abwesenheit in sein Haus zurückkehrt, traut er seinen Augen nicht. Die Möbel im Speisesaal sind unordentlich in einer Zimmerecke aufeinandergestapelt. Im frei gewordenen Raum ist Munition gelagert. Übereifrige Offiziere im Abschnitt Jolimont-Zihl der Fortifikation Murten haben das Zimmer des Obersten einfach beschlagnahmt und zum Munitionslager umfunktioniert.

Der Zwischenfall entwickelt sich zur Mini-Affäre. General Ulrich Wille persönlich schreitet ein und befiehlt den fehlbaren Offizieren: Sie haben sich bei de Coulon zu entschuldigen und den Speisesaal umgehend zu räumen. Der General weiss, dass er die Gemüter schnell beruhigen muss. Oberst de Coulon ist ein Romand aus Neuenburg. Jeglicher Anschein, der Vorfall könnte mit Abneigung von Deutschschweizern gegenüber Welschen zu tun haben, will Wille zerstreuen.

Keinen Hehl aus seiner Antipathie gegen die Franzosen macht im Oktober 1915 Eugen Bircher, Stabschef der Fortifikation Murten. Er lässt den französischen Botschafter und den britischen Gesandten samt ihrer Militärattachés festhalten. Die Diplomaten wollten über die Zihlbrücke nach Murten fahren, konnten aber nicht die nötigen Ausweiskarten des Schweizer Militärkommandos vorlegen.

Bircher nimmt einen diplomatischen Zwischenfall in Kauf und lässt die Diplomaten warten, bis sie die nötigen Papiere aus Bern erhalten. «Die Forellen sollen ziemlich kalt geworden sein», hält Bircher später in seinen Erinnerungen fest. Seine Schadenfreude dringt förmlich zwischen den Zeilen durch. Die welsche Presse erhält Wind von der Angelegenheit und schreibt von einer «unvorsichtigen Dummheit» – allerdings ohne den Stabschef namentlich zu nennen. Zum Zeitpunkt der Ereignisse ist der Stab der Fortifikation mit Welschen und Deutschschweizern besetzt.

Maison de Coulon


Übereifrige Offiziere beschlagnahmten im Herbst 1914 das Haus des Neuenburger Obersten de Coulon. Der Vorfall löste eine Mini-Affäre aus.

Beide Zwischenfälle machen deutlich, dass es bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs in der Schweiz nur bedingt einen nationalen Zusammenhalt gibt. Während die Sympathien der Deutschschweiz beim Deutschen Kaiserreich liegen, ergreift die Romandie Partei für Frankreich und dessen Verbündeten England. Das gegenseitige Misstrauen, geschürt durch die Medien, ist gross. Die Romands sehen in den Deutschschweizern deutschfreundliche Mitbürger, die dem preussischen Kasernenton huldigen. Die Deutschschweizer beschuldigen dagegen die Welschen, der französischen Kriegspropaganda kritiklos zu glauben.

Vor diesem Hintergrund erhält der Verlauf der Fortifikation Murten eine gewisse Brisanz. Weite Teile der Verteidigungslinie schlängeln sich entlang der Sprachgrenze (Karte). Als die Befestigungen entstehen, schweigt jedoch die Presse. Ein Grund dürfte sein, dass der Bundesrat die Zensur in den Jahren 1914 und 1917 verschärft. Militärische Anlagen unterliegen neu der Geheimhaltung.

Heute – mit dem Abstand von hundert Jahren – können kritische Fragen gestellt werden. Eine lautet: Haben die Deutschschweizer Entscheidungsträger die Fortifikation Murten bewusst entlang der Sprachgrenze erstellen lassen, weil sie den Romands misstrauten? Historiker haben dafür keine Anhaltspunkte. «Vielmehr gab die Geografie des Befestigungsraums Murten die idealen Standorte für Sperrbauten vor, etwa um wichtige Verkehrsachsen zu blockieren», sagt der Historiker Juri Jaquemet, ein Experte für die Fortifikation Murten.

Jedoch hallen bis heute die Spannungen nach, die von der besonderen Lage der Fortifikation Murten ausgingen. Am Begriff «Röstigraben» dürfte diese Befestigung nämlich nicht unschuldig sein. Jaquemet vermutet: Weil die Fortifikation Murten aus 17 Kilometer Schützengräben entlang der Sprachgrenze bestand, wurde der Begriff «Graben» zum Synonym für den Konflikt zwischen Deutschschweiz und Romandie.

Video: Befestigung entlang der Sprachgrenze

Der «kleine Hindenburg»
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Oberst Beat Heinrich Bolli

Kommandant der Fortifikation Murten
Das Kommando über die Fortifikation Murten erhält im August 1914 Oberst Beat Heinrich Bolli. Im zivilen Leben ist der damals 56-Jährige Rechtsanwalt und FDP-Ständerat für den Kanton Schaffhausen. Die Soldaten nennen ihn «den kleinen Hindenburg» – in Anlehnung an Paul von Hindenburg, den deutschen Generalfeldmarschall und späteren Reichspräsidenten.
Ob sich Bollis Spitzname auf seine Deutschfreundlichkeit bezieht oder auf sein preussisches Auftreten, können Historiker heute nicht mehr mit Sicherheit nachvollziehen. Eine Anekdote besagt jedenfalls, dass sich Bolli bei einer Inspektion durch General Ulrich Wille als «Adrian von Bubenberg der Zweite» gemeldet haben soll. Als solcher sei er – Bolli – bereit, die ihm anvertraute Aufgabe «bis zum letzten Blutstropfen» zu erfüllen. Adrian I. von Bubenberg gilt als Verteidiger der Stadt Murten während der Burgunderkriege im Mittelalter.
Beat Heinrich Bolli stirbt mit 80 Jahren am 15. September 1938.

Hauptmann Eugen Bircher

Stabschef der Fortifikation Murten
Der Arzt und spätere Chirurg ist die wohl umstrittenste Figur des Fortifikationskommandos. Während des Ersten Weltkriegs fällt der Aargauer durch seine deutschfreundliche Haltung und Antipathie gegenüber den Entente-Mächten und damit gegenüber der Westschweiz auf. Am 23. August 1916 veröffentlicht der damals 34-Jährige in der «Solothurner Zeitung» einen Artikel, in dem er die Romands angreift. Den Genfern und Lausannern wirft Bircher vor, «zu viel Geld» und «zu viele Conferenciers» aus Frankreich – dem Kriegsgegner Deutschlands – zu erhalten.
Auch den Bundesrat kritisiert Bircher in seinem Artikel scharf für dessen angeblich entente-freundliche Haltung.
Fünf Tage nach der Publikation seines Artikels erhält Bircher Unterstützung vom Kommandanten der 2. Division, Oberstdivisionär Treytorrens de Loys. «Endlich ein Mann, der es wagt zu schreiben, was viele denken», schreibt de Loys in einem Brief an die «Solothurner Zeitung». Der Bundesrat lässt sich diese Respektlosigkeit nicht gefallen und ersucht General Ulrich Wille, strenge disziplinarische Massnahmen gegen de Loys einzuleiten. Die Angelegenheit geht später als De-Loys-Affäre in die Schweizer Geschichtsbücher ein.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs (1939 bis 1945) gerät Bircher in die Kritik, weil er von 1941 bis 1943 die schweizerische Ärztemissionen auf Hitler-deutscher Seite an der Ostfront leitete. Unbestritten sind hingegen seine Verdienste in der Medizin. Bircher gilt als einer der Begründer der Arthroskopie (Gelenkspiegelung).
Eugen Bircher stirbt am 20. Oktober 1956 im Alter von 74 Jahren.

Oberst Albert Brenner

Geniechef der Fortifikation Murten
Im Zivilleben Architekt, tritt der damals 55-jährige Thurgauer seinen Posten vermutlich im Sommer 1915 an. Mit Eugen Bircher, dem Stabschef der Fortifikation Murten, kommt es zu Meinungsverschiedenheiten. Es geht um den «richtigen» Bau von Feldbefestigungen. Brenner erinnert sich im November 1918: «Die Absteckung der Linien wurde vielfach vom Generalstabsoffizier des Fortifikationskommandos allein bestimmt, mit dem Hinweis, dass dies eine rein taktische Angelegenheit sei, die den Geniechef nichts angehe. Obschon vielfach vom Kommando auch in technische Angelegenheiten hineingeredet wurde, liess man mir wenigstens in der Organisation der Arbeit freie Hand.»
Albert Brenner stirbt am 23. Januar 1938 im Alter von 78 Jahren.

Video: Kommandanten der Fortifikation Murten

Fortifikation Murten kostet Millionen
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KOSTEN Die Schweizer Armee befiehlt die Fortifikation Murten im Kriegsjahr 1914 und baut sie bis zum Ende des Ersten Weltkriegs laufend aus. Die Landesbefestigung im Berner Seeland soll einen feindlichen Vorstoss aus dem Westen in Richtung Stadt Bern aufhalten.

Die Kosten für die Anlage, die sich vom Berner Seeland übers Murtenbiet bis hin zum angrenzenden Jurasüdfuss erstreckte, sind nicht abschliessend überliefert. In seinem Bericht an die Bundesversammlung über den Aktivdienst 1914 bis 1918 deutet der Schweizer General Ulrich Wille an, dass der Bau der Fortifikation Murten durchaus seinen Preis hat.

Wille hält fest, «dass der Ausbau der Feldstellungen im ‚behelfsmässigen’ Sinne, d.h. unter Zuhilfenahme von Eisen und Beton, nicht nur sehr grosse Arbeitskräfte auf lange Zeit der Ausbildung entzog, sondern auch grosse finanzielle Mittel beanspruchte.»

Konkrete Zahlen zu Arbeitsstunden und Materialkosten finden sich in einem Bericht zum Bau der Waldstellung im Jolimont, den Festungsingenieur Hans Jenny im August 1917 verfasste. Mithilfe dieser Angaben hat der Berner Historiker Juri Jaquemet versucht, die Baukosten für die gesamte Fortifikation Murten annähernd hochzurechnen.

Er schätzt, dass die Ausgaben für die Fortifikation Murten im mittleren einstelligen Millionenbetrag zum damaligen Frankenwert gelegen haben dürften. Umgerechnet auf heute würde die Befestigung mit bis zu 200 Millionen Franken zu Buche schlagen.

Jaquemets Schätzung beruht nicht alleine auf den reinen Baukosten für das befestigte Schützengrabensystem, sondern berücksichtigt auch weitere Auslagen: So hatte die Schweizer Armee Arbeiten an private Baufirmen ausgelagert und sogenannte Zivilarbeiter beschäftigt. Diese Aushilfskräfte erhielten von der Armee verbilligte Lebensmittel sowie kostenlose Kleider und Schuhe. Auch der Einsatz von Pferden verursachte Kosten, etwa für das Futter der Tiere.

Die Ausgaben für die Fortifikation Murten betragen nur einen Bruchteil der Kosten für die gesamte Landesverteidigung während des Ersten Weltkriegs. Der Konflikt belastet die Bundeskasse mit über einer Milliarde Franken zum damaligen Wert.

Video: Kosten der Fortifikation Murten

Interaktive Grafik

Impressum
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Texte und Videos: Jon Mettler
Gestaltung und Programmierung: Daniel Barben
Bildbearbeitung: René Wüthrich

Wissenschaftliche Beratung: Dr. phil. Juri Jaquemet
Historische Bilder: Schweizerisches Bundesarchiv (Bern), Fotoarchiv Alfred Tüscher (Ins)
Zeitgenössische Bilder: Jon Mettler



Ein Projekt der

Quellen
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Jaquemet, Juri: «Wenn durch des Jura's Pforten Der Feind in Massen dringt.» Die Landesbefestigung gegen Westen im Seeland, Murtenbiet und am angrenzenden Jurasüdfuss 1815-1918 (MA-Arbeit Historisches Institut der Universität Bern). Bern 2008
Institut für Denkmalpflege (Hg.): Stadt- und Landmauern. Band 1: Beiträge zum Stand der Forschung. Zürich 1994 (Band 15.1).
Hans Rudolf Fuhrer: Die Schweizer Armee im Ersten Weltkrieg, Bedrohung, Landesverteidigung und Landesbefestigung. NZZ-Verlag, Zürich 1999
Schaffhauser Beiträge zur Geschichte, Band 34 (1954), Seite 271-284